Leider ist der auch schon in der ewigen Schreibstube
“Ich habe einmal ein Wort geprägt, das allmählich Aufnahme in den allgemeinen Sprachgebrauch findet: Epochenverschleppung. Damit ist gemeint das anachronistische Überlappen von Wirklichkeitselementen, die spezifisch einer vergangenen Epoche angehören, in die darauf folgende. Nicht alle Erscheinungen haben das gleiche Trägheitsmoment. Manche bestehen über sich selbst hinaus. Sie erweisen sich dabei als Stimmungsträger, die nicht nur einzelne, sondern beinahe alle über die tatsächlich bestehende Wirklichkeit täuschen. Das Gegenwartserlebnis läuft nebenher. Keiner lebt gänzlich im Jetzt und Hier.”*
Gregor von Rezzori, “Mir auf der Spur”
Das ist eine dieser Wortschöpfungen, die man sich wie eine kulinarische Delikatesse auf der Zunge zergehen lassen kann und vielleicht sollte, “Epochenverschleppung”. – Die Sehnsucht nach dem bürgerlichem Zeitalter aber scheint überall und immer zumindest unterschwellig da zu sein…
Mir ist das wieder eingefallen, als ich ganz kürzlich in einem Blog ein kleines Video über das gegenwärtige Paris eingebettet fand. Ich nenne bewusst keine Namen. Namensnennung zöge schon wieder eine gewisse Verbindlichkeit nach sich. Bereits das wird mir momentan zu eng.
Das in dem Blog-Video kurz gezeigte Hotel sah aus wie von 1925, abgesehen natürlich vom Fernseher im Gästezimmer. Ich musste auch wieder an einen der wirklichen Höhepunkte meines Lebens denken. “Wirklich” deshalb, weil eigentlich nichts passiert ist. Es war die Fahrt mit der S-Bahn zur ersten, sechswöchigen Psychotherapie am 3. September 1984.
Wie gesagt, völlig banal. Aber nie davor und nie danach habe ich ein derart starkes Gefühl von Freiheit empfunden. Ich hatte innerlich mit allem abgeschlossen und war völlig offen für alles Neue. Bereit zum großem Sprung raus aus der Spur.
Mein Unbewusstes hat mir das auch deutlich vermittelt. Obwohl ich über eine halbe Stunde vor dem vereinbartem Termin auf dem richtigen Bahnhof ankam, erreichte ich das zehn Minuten Fußweg entfernte therapeutische Gelände erst reichlich eine Viertelstunde nach dem Termin, wütend, zerknirscht und in Schweiß gebadet. Ich wollte gar nicht zur Therapie. Ich wollte – siehe oben.
Mein Empfinden beim Betreten der großen alten Villa aber war in etwa, das wäre ja hier wie bei den “Buddenbrooks”. Sogar das weiß lackierte Flurinventar war da, von dem Mann mehrfach geschrieben hat.
Dass Gründer therapeutischer Schulen im Grunde auch oder gerade “Inseln” dieses bürgerlichen Weltempfindens geschaffen haben und damit kompakte Anachronismen, konnte ich dann noch mehrfach erleben. Ich nenne auch hier keine Namen. Es hätte auch keinen Zweck, da die betreffenden Betroffenen das ohnehin nicht verstehen würden. Ich hatte allerdings des Öfteren den Eindruck, sie wollten auch gar nicht verstehen, weil sie dann noch ganz anders ins Schleudern geraten würden als ihre Klienten, die ja diese “Inseln” verlassen müssen. Aber lassen wir das, die Sache ist gegessen.
Ahnt man den tiefen Schmerz des verkannten Genius’, ach? – Ich habe jetzt sieben Absätze ohne Sarkasmus durch gestanden, ich bitte um Verständnis!
Natürlich findet man alsbald überall Bestätigungen einer These, von der man überzeugt ist. Hier wirkt wieder dieses konstruktivistische Raster der Wahrnehmung. Wirklichkeit entsteht durch den Betrachter. Aber dennoch überrascht mich in diesem Zusammenhang, an wie vielen Stellen ich solche Bestätigungen finde, an denen ich sie überhaupt nicht erwartet habe.
Beispielsweise hat man in Fürstenberg an der Oder, der Altstadt meiner Herkunftsstadt, nach der Wende nicht nur nach und nach einen großen Teil der alten Bürgerhäuser geradezu kunstvoll restauriert und saniert, sondern sogar die Straßenschilder komplett ausgewechselt. Sie sind jetzt alle in Fraktur beschriftet. Gerade solche kleinen Details deuten aber darauf hin, dass eben bewusst an eine Tradition angeknüpft werden soll, die spätestens von der “siegreichen Arbeiterklasse” fast zerstört wurde.
Statt der leicht theoretisierenden Erörterungen ein, wie hoffentlich nicht nur ich meine, einleuchtendes Beispiel aus der Kunst. Das oben angeführte Zitat aus von Rezzoris Buch geht nämlich wie folgt weiter:
“Die Kunst – wo sie nicht der Gegenwart vorausgeht – ist ein gefährlicher Helfer der Epochenverschleppung.”
Ein Künstler, der mir diese “Epochenverschleppung” mit seiner Person und in seiner Kunst als eine Art lebendes Fossil exemplarisch zu verkörpern scheint, ist Loriot. Der Reiz seiner Sketche und insbesondere seiner Filme resultiert auch oder gar vor allem aus der Diskrepanz seiner anachronistischen, weil bürgerlich-humanistischen Prägung, und der Gegenwartskultur, die durch eine Art Patchwork aus Cover-Versionen und Versatz-Stücken kultureller Werte sehr lose zusammen gehalten wird.
In “Pappa ante portas” betritt Herr von Bülow in der Rolle des besagten Pappas etwa einen La…, einen Shop oder dergleichen, und hebt wie folgt an, niemandem aufzufallen: “Guten Tag, ich heiße Lohse und kaufe hier ein!”
Natürlich rollt man sich erst einmal über den Flur. Aber wenn dann jene konvulsivischen Zuckungen des Zwerchfells abgeklungen sind, die man “Kichern” und “Lachen” nennt, könnte man zu der Einsicht gelangen, dass das so lustig denn vielleicht doch gar nicht wäre.
Eigentlich müsste dieses Auftreten nämlich normal sein… Und zwar “normal” im Sinne von “dem Menschlichen eigentlich angemessen” usw. Aber das ist eben gerade nicht “in”. Es ist nicht postmodern. Usw.
Reich-Ranickis berühmter Auftritt bei Gottschalk geht in dieselbe Richtung. Auch das war ein Himmel schreiender Anachronismus. Der Mann hat diese aus bürgerlich-humanistischer Konditionierung resultierenden Muster der Wahrnehmung gar auf das Fernsehen angelegt!
Ich halte dergleichen zumal deshalb für echtes Heldentum, weil ich es als selbstmörderisch sinnlos empfinde. Aber jetzt projiziere ich womöglich wieder depressiv-melancholisch…
Will jemand wissen, warum ich das jetzt alles aufgeschrieben habe?
Für den Fall, dass dem so wäre, möchte ich wieder einmal meinen Lumpen proletarischen Anteil aktivieren. Ich möchte nicht nur, ich tue es auch, boah! Und zwar mit der abschließenden Bemerkung, dass ich halt nur wieder einmal ein bisschen auf die Kacke hauen wollte.
Was ja nun hiermit vollzogen wäre…
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* Der Text wurde hier nicht, wie es immer so schön heißt, “behutsam der aktuellen Rechtschreibung angepasst”.
Tags: Allgemeiner-und-spezieller-Weltschmerz, Loriot, von Rezzori
08. April 2009 at 19:52
stimmt, wir spüren einen Mangel an “Haltung”, guten Umgangsformen”, Gediegenheit.
Ich persönlich vermisse die “Artigkeit”, die mittlerweile sogar ihren semantischen Ursprung verloren hat.
Oder Andere versuchen, dem noch älteren, archaischen verbunden zu bleiben.
Weil alles immer schneller und entmenschter wird.
Metropolis. wann war das noch mal?
09. April 2009 at 10:58
@litteratte
Naja, Umgangsformen usw., das sind mehr so Äußerlichkeiten…
Das alte Problem: Herr Dino wirft so paar Brocken hin…
Immer wieder diese bedeutungsschwangeren drei Pünktchen, gleich kommen sie nochmal…